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Gastbeitrag: Wie misst man Nachhaltigkeit?

Der Gesetzgeber - allen voran die Europäische Kommission - hat keine Mühen ausgelassen, um die Finanzbranche mit einem Regulierungsschwall zu mehr Nachhaltigkeit zu bewegen. Die Transparenzverordnung, die an dem heutigen Mittwoch in Kraft tritt, ist ein Teil davon.

Kaum vergeht ein Tag, ohne dass in den Nachrichten über Nachhaltigkeit gesprochen wird. Zunächst hat die junge Generation mit ihren Demonstrationen jeden Freitag die Empörung der Erwachsenen hervorgerufen („Die sollen zur Schule gehen und diese schwierigen Sachverhalte den Erwachsenen überlassen“). Dann spielten sie ihre Rolle als Influencer am Abendbrottisch aus. Heute kommt kaum ein Versicherungsvorstand umhin, das Thema Nachhaltigkeit als Teil der Unternehmensstrategie zu betonen.

 

Die Frage ist nur, was von den schönen Worten ist an Information hilfreich, was ist nur Schmuck.

 

Der Gesetzgeber- allen voran die Europäische Kommission- hat keine Mühen ausgelassen, um die Finanzbranche mit einem Regulierungsschwall zu mehr Nachhaltigkeit zu bewegen.

Die Transparenzverordnung, die am heutigen Mittwoch in Kraft tritt - ist ein Teil davon. Hier wird geregelt, dass der Kunde nach seinen Nachhaltigkeitspräferenzen befragt wird, sofern der Versicherungsvermittler für sich entschieden hat, dass er eine Nachhaltigkeitsstrategie fährt.

 

Dies nicht zu tun, bedeutet, sich von einem gewichtigen Kundenkreis abzuschneiden.

 

Die Zielke Research Consult GmbH analysiert seit nunmehr über drei  Jahren die Nachhaltigkeitsberichte der deutschen Versicherer und seit diesem Jahr auch die der Banken. Hierbei vergeben wir Punkte in den drei Bereichen Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung.

Wir erheben nicht den Anspruch, Skandale im Umweltverhalten der Versicherer aufzudecken. Vielmehr vergeben wir Punkte für gute und wertvolle Information, die einem Außenstehenden ein gutes Bild der Gesamtstrategie gibt.

Das Problem ist, dass es bisher nur grobe Regeln gibt, wie so ein Nachhaltigkeitsbericht aussehen soll. Die bisherige Regulierung der nichtfinanziellen Berichtserstattung (NFRD-non financial disclosre regulation directive) ist weit gefasst. So kann ein Unternehmen sehr viel über einen Sachvergalt berichten oder eben gar nichts mit der Begründung, dass es über die Information nicht verfügt. Dies soll mit einer Revidierung der NFRD-Richtlinie bereinigt werden und ich hatte die Ehre an einer Task Force der European Financial Reporting Advisory Group im Auftrag der Europäischen Kommission hieran mitzuarbeiten. Es bleibt abzuwarten, ob die Politik diese Vorschläge auch umsetzt.

Wir stellen allerdings nicht die Frage in den Mittelpunkt, ob der Versicherer  die rechtlichen Vorgaben einhält, sondern ob er uns etwas mitteilen möchte. Je mehr wertvolle Information chiffriert in dem Bericht steht, je leichter dieser im Internet zu finden ist, je besser das Unternehmen im Vergleich zur Gesamtbranche steht, desto mehr Punkte gibt es:  wie viel CO2  wird emittiert, wie wird Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage berücksichtigt, wie hoch ist die Frauenquote und die Inklusionsrate, wie transparent ist der Solvenzbericht- dies sind nur einige Kriterien. Reine Werbebroschüren mit Behauptungen ohne Fakten erhalten bei uns keine Punkte bzw. sogar Punkteabzug.

Somit bekommt der Versicherungsvermittler und auch der Kunde ein Bild, wer sich in dieser nicht perfekten Welt möglichst viel anstrengt. Dies lässt sich mit öffentlich verifizierten Informationen belegen, womit sich diese Bewertung in eine Nachhaltigkeitsstrategie eines Versicherungsvermittlers einbinden lässt.

Die Regulierung wird weiter gehen - nach der Transparenzverordnung  (TVO) kommt die delegierte Verordnung, die weitere Kriterien festlegen wird (vermutlich im Frühjahr 2022), sowie die Reform der nichtfinanziellen Berichtserstattung (NFRD-Januar 2022). Auch hier werden wir am Ball bleiben.

 

Doch mit Start der TVO kann man festhalten:

  • Ein Nachhaltigkeitssiegel gibt eine Indikation, wie gut ein Versicherer ausgerichtet ist
  • Der Kunde kann die Informationen selber verifizieren
  • Der Versicherungsvermittler kann hierauf seine eigene Nachhaltigkeitsstrategie aufbauen
  • Der Versicherer selbst kann seine Nachhaltigkeitsstrategie mit dem Siegel validiert sehen

 

Wir stehen trotzdem noch sehr am Anfang unserer Bemühungen, unsere Welt nachhaltiger zu machen.  Aber der Vergleich der Nachhaltigkeitsberichte ist ein Ansporn für die Versicherer, besser zu werden.

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