Existenz

      BU State of Mind

      Gastbeitrag Philip Wenzel | Unterm Strich krankt das System der Arbeitskraftabsicherung sicherlich an der Fokussierung auf ein einzelnes Produkt

      17.Juni.2021 - Es heißt immer wieder, dass jeder Mensch einzigartig sei. Strenggenommen verbinden uns weit mehr Merkmale und Verhaltensweisen als uns unterscheiden, aber grundsätzlich ist es schon so, dass der eine Helene Fischer mag und der andere eher Slipknot. Es gibt auch verschiedene Parteien, die man wählen und Sportarten, die man toll finden kann.

      Wenn es aber um die Absicherung des Einkommens geht, dann gibt es scheinbar für alle nur eine Lösung... Eine Berufsunfähigkeits-Versicherung bis zum Renteneintritt und möglichst noch mit einer Beitragsdynamik von 5%. Das unterstellt, dass wir bis zum Renteneintritt von unserem Einkommen abhängig sind. Und das trifft traurigerweise vor allem auf körperlich Arbeitende zu. Traurig ist das, weil körperliche Arbeit selten bis 67 durchzuhalten ist. Und noch trauriger ist, dass genau diese Berufsgruppe sich eine Berufsunfähigkeitsversicherung nur unter großen finanziellen Einbußen leisten kann.

      Denn neben einem sozialen Auftrag müssen Versicherungsunternehmen Geschäftszahlen erfüllen. Deshalb wird das Produkt mehr und mehr für Akademiker hübsch gemacht, weil diese Berufsgruppe ein geringes Risiko darstellt. Die daraus folgende Berufsgruppendifferenzierung und die Folgen sind allgemein bekannt.

      Eine weitere Differenzierung findet bei den Antragsfragen statt. Je gesünder ein Kunde, desto unwahrscheinlicher der Leistungsfall. Also gibt es schon bei kleineren Vorerkrankungen lieber mal sicherheitshalber einen Leistungsausschluss oder einen Zuschlag, um das Risiko nicht ans Kollektiv weiterzugeben.

      So kommt es, dass wir seit Jahren bei etwa 25% Marktdurchdringung liegen. Echtes Neugeschäft gibt es kaum noch. Die anderen 75% sind entweder zu krank oder können/wollen sich eine BUV nicht leisten. Das Problem besteht schon eine Weile, aber es tut sich wenig am Markt.

      Bisher ist es noch keinem Produkt gelungen, die BU-Versicherung sinnvoll zu ersetzen und gleichzeitig von den Vermittlern akzeptiert zu werden.

      Philip Wenzel | Experte für Biometrie und Versicherungsvermittler

      Denn wir Vermittler neigen fälschlicherweise dazu, neue Produkte mit der Berufsunfähigkeits-Versicherung zu vergleichen. Und da diese verdammt leistungsstark ist, kommt da erstmal nix ran, das auch den Handwerkern helfen könnte.

      Als Vermittler kann ich eh nicht auf eine Produktlösung warten. Meine Kunden verlangen ja heute eine Lösung von mir.

      Am besten ist es in meinen Augen, wenn wir nicht mehr in Produkten denken, sondern ganz normal den Bedarf ermitteln und dann den Kunden nach seinen Wünschen und Bedürfnissen fragen. Das steht so auch im Versicherungsvertragsgesetz. Kann also nicht schaden.

      Was leistet die BU?

      Wenn wir den Bedarf jetzt nicht als den Lebensstandard verstehen, was eben auch kostspielige Hobbies und geleaste Autos beinhaltet, dann ist unsere Zielgröße nicht mehr das Einkommen, sondern die Ausgaben. Und während ich mein Einkommen bis zur Rente beziehe und deshalb auch folgerichtig so lange absichern muss, habe ich meine Ausgaben verschieden lang.

      Unterteilen wir meine Ausgaben mal grob in 3 Bereiche:

      • Ausgaben für mich (Essen, Kleidung, Versicherung, Spaß)
      • Ausgaben für die Kinder
      • Ausgaben fürs Wohnen

      Die Ausgaben für mich habe ich ein Leben lang. Nicht nur bis zum Renteneintritt. Wenn meine gesetzliche Rente nicht ausreicht, dann muss ich mein Einkommen im Sinne einer Altersversorgung absichern. Die Ausgaben für die Kinder habe ich in der Regel etwa 25 Jahre. Dann sollten die Kinder langsam selbst Geld verdienen. Wer sein jüngstes Kind mit 35 Jahren bekommen hat, muss diese Ausgaben nur bis 60 absichern. Durch die kürzere Versicherungs- und Leistungsdauer spare ich hier etwa 50% an Beiträgen.

      Beim Wohnen ist es ähnlich. Wenn ich finanziere, muss ich das nur bis Ende der Finanzierungsdauer absichern. Wohne ich zur Miete, dann muss ich das ein Leben lang absichern. Ich kann also schon durch die kürzeren Laufzeiten sparen. Außerdem kann ich diese Punkte alle verschieden absichern.

      Da meine Kinder mir das Wichtigste sind, muss es hier eine Versicherung sein, die schon leistet, wenn ich meinen Beruf für 6 Monate aus gesundheitlichen Gründen nur noch zur Hälfte ausüben kann. Das wäre dann eine BU-Versicherung.

      Für meine eigenen Ausgaben würde ich auch eine Umschulung in Kauf nehmen. Die Lücke wäre über Einsparung und Erspartes zu decken. Ich will also eine Versicherung, die erst dann leistet, wenn ich überhaupt nicht mehr arbeiten kann. Das wäre dann eine Erwerbsunfähigkeits-Versicherung, die erst zahlt, wenn ich keine 3 Stunden am allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten kann.

      Was leistet die EU?

      Das ist interessanterweise vor allem für Handwerker interessant. Hier ist die Karriere so oder so darauf angelegt, mit zunehmendem Alter weniger körperlich zu arbeiten und mehr aufsichtsführend oder kaufmännisch. Und eine Umschulung auf einen kaufmännischen Beruf aus gesundheitlichen Gründen ist in der Regel einfacher als umgekehrt.

      Und die Erwerbsunfähigkeits-Versicherung ist nicht nur deshalb für Handwerker günstiger, weil sie erst später leistet, sondern auch, weil es hier in der Regel nur 4 Berufsgruppen gibt, was für größerer Kollektive sorgt und die Handwerker eben nicht so benachteiligt, wie die BUV.

      Eine Finanzierung ließe sich dann vielleicht sogar über eine Grundfähigkeits-Versicherung abdecken, weil eine Immobilie sich im schlimmsten Fall auch wieder zu Geld machen ließe. Da gibt es sicher Menschen, die hier dann mutiger sind und keine Verbindung zwischen der Absicherung und der Arbeitskraft im Sinne einer Einkommenserzielung verlangen.

      Unterm Strich krankt das System der Arbeitskraftabsicherung sicherlich an der starken Fokussierung auf ein einziges Produkt. Wer nicht zu diesem Produkt passt, fällt aus dem System. Die Vermittler haben teilweise berechtigte Vorbehalten an den tatsächlichen und sogenannten Alternativen.

      Ich denke aber, wenn wir die Kunden in der Beratung fragen, wie sie sich eine Absicherung vorstellen würden, gäbe es sicherlich einige, die eine Umschulung in Kauf nähmen oder auch nur die wichtigsten Ausgaben absichern wollten.

      So könnten wir mit den bestehenden Produkten durch eine andere Art der Beratung vor allem jene, die sich die BU-Versicherung nicht leisten können, versichern. Im nächsten Schritt gehen wir dann alle an, die aus gesundheitlichen Gründen keine Absicherung bekommen. ;-)

      Über Philip Wenzel

      Philip Wenzel ist absoluter Experte für Biometrieprodukte, Versicherungsmakler und Chefredakteur bei Worksurance.

      Mehr Informationen findest Du auf Philip’s Website: worksurance.de

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